Lesbos Outreach Projekt: Warum uns die Versorgung von Geflüchteten außerhalb des Camps auch wichtig ist

„Wir sollten aufhören, Menschen in die Illegalität zu treiben, die nur versuchen, sich und ihre Familien in Sicherheit zu bringen.“

Kathy James half in Guatemala Häuser zu bauen und versorgte als Krankenschwester bedürftige Menschen in Kenia. Seit 2019 arbeitet sie für den Hamburger Verein, der in Griechenland und Bosnien medizinische Hilfe für Geflüchtete leistet. Mit ihrem Campervan Bonnie und Hund Nyx reist sie zwischen den Standorten hin und her – immer dahin, wo sie gerade gebraucht wird. In ihrer Heimat Großbritannien ließ Kathy dafür Freunde, Familie und die Option auf eine Karriere zurück.

Kathy, wie kam es dazu, dass du heute als Krankenschwester bei Medical Volunteers International (MVI) arbeitest?

Über Couchsurfing habe ich ein Pärchen aus Hamburg kennengelernt, bei denen ich übernachtete. Sie erzählten mir von einem Facebook-Post, in dem MVI verzweifelt nach ausgebildeten Krankenschwestern suchte. Das war im August 2019. Ich bewarb mich sofort.

Es war nicht das erste Mal, dass du dich für eine Menschenrechtsorganisation engagierst. Was treibt dich an?

Schon als Kind wusste ich, dass ich irgendwann Menschen in Notsituationen helfen will. Ich erinnere mich noch heute daran, wie ich die Fotos des Jugoslawienkriegs in der Zeitung sah und dachte: Ich kann es einfach nicht aushalten, wenn Menschen und ihre Rechte verletzt werden.

Derzeit arbeitest du auf Lesbos. Welchen Schicksalen begegnest du dort?

Viele Menschen hier sind in einer verzweifelten Lage. Im Camp müssen sie sich zum Teil mit über 100 anderen Geflüchteten ein Zelt teilen. Die Zelte sind nicht isoliert: Im Sommer wird es extrem heiß, im Winter zieht ein starker, eiskalter Wind vom Meer herüber. Und mittlerweile dürfen die Bewohner:innen das Camp nur noch zweimal in der Woche für drei Stunden verlassen – der vorgeschobene Grund der Behörden: Corona. Doch damit gleicht das Camp eher einem Gefängnis.

Was sind die häufigsten gesundheitlichen Beschwerden?

Viele der Geflüchteten haben mentale Probleme – dass sie das Camp kaum verlassen dürfen, macht ihnen zu schaffen. Außerdem blicken sie immer zu auf den Ozean, den jede*r Einzelne von ihnen überquert hat. Manche haben die Überfahrt nur knapp überlebt und sind von den Erfahrungen traumatisiert. Dazu kommen Hautprobleme, durch die unhygienischen Bedingungen, Rückenschmerzen von den harten Liegeflächen und Atemwegsbeschwerden von den staubigen Böden und dem Qualm vom Kochen. Verbrennungen sind ein großes Problem, weil die Geflüchteten auf engstem Raum kochen oder weil sie Plastikflaschen mit heißem Wasser füllen, um sich warm zu halten.

Du bist die Koordinatorin des Medical Outreach Project auf Lesbos, das vor einem halben Jahr gestartet wurde. Warum saht ihr die Notwendigkeit, ein Projekt außerhalb des Camps durchzuführen?

Insgesamt leben etwa 700 Flüchtlinge auf Lesbos außerhalb des Camps. Auch sie benötigen medizinische Hilfe. Deshalb sind wir sowohl innerhalb als auch außerhalb des Camps tätig. Es gibt verschiedenste Gründe, warum Menschen außerhalb des Camps leben. Einige haben zwei Ablehnungen erhalten und deshalb ihre 10-Tage-Frist zum Verlassen Griechenlands erhalten, sind aber nicht ausgereist, weil sie gefährdet waren. Viele haben einen positiven Asylbescheid erhalten und mussten deshalb das Camp verlassen. Einige sind besonders schutzbedürftig: Sie sind Opfer geschlechtsspezifischer Gewalt geworden, gehören zum Beispiel der LGBTQI+-Gemeinschaft an und sind daher Diskriminierungen und Übergriffen ausgesetzt, vor denen sie sich im Camp nicht schützen können. Oder sie gehören zu einer kulturellen oder religiösen Minderheit und sind deshalb gefährdet. Einige haben finanzielle Rücklagen oder bekommen etwas Geld von Verwandten. Sie sind deshalb nicht reich, haben aber genug, um sich eine winzige Unterkunft leisten zu können.

Auf was musst du verzichten, um diese Arbeit machen zu können?

Zeit mit Freunden und meiner Familie. Glücklicherweise habe ich mittlerweile fast überall in der Welt Freunde gefunden. Aber meinen Neffen, der im letzten Jahr zur Welt kam, habe ich bisher kaum gesehen. Das bedauere ich schon manchmal. Natürlich habe ich auch einige Karrierechancen in Großbritannien liegen gelassen:
Ich hatte eine gute Stelle im öffentlichen Gesundheitswesen. Aber die warten natürlich auch nicht ewig auf einen. Doch meine Arbeit hier ist es allemal wert, auf eine ‚Karriere‘ zu verzichten.

Was ist deine realistische Utopie von einer gerechteren Welt?

Ich würde mir wünschen, dass alle Menschen faire Asylanträge stellen können – schon in ihren Herkunftsländern. Im Moment ist das in vielen Ländern nicht möglich. Deshalb müssen derzeit viele ihr Leben riskieren, um in Europa Asyl beantragen zu können.
Das System ist ungerecht. Ein erschreckendes und eindrückliches Beispiel dafür ist, dass es nicht ausreicht, beim Asylantrag die Narben auf dem Rücken zu zeigen, wenn man gefoltert wurde. Die meisten Geflüchteten haben jedoch keinen Zugang zu medizinischen Unterlagen, wissen nicht, dass sie diese brauchen und sind ohne die Hilfe von juristischen Hilfsorganisationen völlig unvorbereitet auf ihre Anhörung. Wir sollten aufhören, Menschen in die Illegalität zu treiben, die nur versuchen, sich und ihre Familien in Sicherheit zu bringen.

Vielen Dank, Kathy, für das Interview.

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