“Alleinstehende geflüchtete Männer erleben häufig Stigmatisierung und Rassismus und werden von grundlegenden Hilfsangeboten ausgeschlossen”

 

Roja Massoumi 31, ist klinische Psychologin. Sie wuchs in Göttingen auf, studierte in Osnabrück, Graz und Istanbul. Heute koordiniert sie das Mental Health Project für Erwachsene auf Lesbos.

Du warst 2016 das erste Mal als Freiwillige auf Lesbos. Heute bist du Koordinatorin des Mental Health Projects für Erwachsene. Was hat dich motiviert?
Ich bin als Person of Color in einer mehrheitlich Weißen Gesellschaft in Deutschland aufgewachsen. Meine Eltern sind ExiliranerInnen. Sie haben es trotz allen Hindernissen geschafft, uns ein gutes Leben in Deutschland zu ermöglichen. Ich wusste schon früh, dass ich meine Privilegien meinen Eltern zu verdanken habe und ich Glück hatte mit einem deutschen Pass in Sicherheit aufzuwachsen. Aufgrund meiner eigenen Familiengeschichte, wollte ich mein Wissen und Können sinnvoll nutzen – und es mit den Menschen teilen, die dieses Glück nicht haben. 

Euer Hilfsangebot richtet sich gezielt an Männer, die alleine auf der Flucht sind. Warum?
Wir haben erkannt, dass Männer, die alleine geflohen sind, häufig vom System benachteiligt sind. Die meisten sind zwischen 19-28 Jahre alt und werden ihrer Jugend beraubt. Sie erleben häufig Stigmatisierung und Rassismus und werden von grundlegenden Hilfsangeboten ausgeschlossen. Für Familien, Kinder und Frauen wird eher gespendet und sie erhalten mehr konkrete Hilfsangebote und andere Vorteile. Ein Beispiel: Familien im Camp sind inzwischen in kleine Container- die immer noch lebensunwürdig sind- umgezogen. Alleinstehenden Männern hingegen steht diese minimalste Verbesserung der Lebensbedingungen nicht zu. Sie leben immer noch in Gemeinschaftszelten, früher zum Teil mit mehr als 100 anderen Menschen auf engstem Raum, ohne Rückzugsmöglichkeiten.

Seit dem Brand im Flüchtlingscamp Moria im September 2020 sind heute deutlich weniger Menschen in der Erstaufnahme auf Lesbos. Wer lebt heute noch im Camp?
Aufgrund von sogenannten Push Backs werden Menschen illegal und gewaltsam von der Einreise nach Europa gehindert, während Menschen mit Asylbescheid die Insel verlassen. Daher nimmt die Zahl der Campbewohner*innen ab. Es sind vor allem Geflüchtete, deren Asylanträge abgelehnt wurden, die zurückbleiben. Das Asylverfahren lief teilweise ohne Rechtsberatung und augenscheinlich teils unrechtmäßig ab. Vor allem alleinstehende Männer bekommen häufiger eine Ablehnung des Asylantrags. Sie leben hier zum Teil seit zwei, drei oder vier Jahren – manche noch länger. Gleichzeitig sehen sie, wie andere Menschen weiterziehen können. Das ist sehr belastend und steigert ein Gefühl der Hoffnungslosigkeit und Hilflosigkeit. Doch obwohl die Bedingungen hier menschenunwürdig sind und die Situation für viele ausweglos zu sein scheint, ist eine Rückkehr in das Herkunftsland keine Option.

Die meisten eurer Patienten kommen aus Afghanistan. Wie überwindet ihr die Sprachbarrieren?
Das stimmt. 22 der 25 Männer, die wir derzeit einzeln betreuen, kommen aus Afghanistan. Deshalb arbeiten wir eng mit sogenannten ‘cultural mediators’ zusammen. Sie leben teils selbst im Camp und warten auf ihren Asylentscheid. Ohne unsere Kolleg*innen aus der Community, wäre unsere Arbeit undenkbar. Sie helfen uns nicht nur beim Sprach- und Kulturverständnis sondern weisen uns auch auf mögliche Fehler aufgrund unserer eurozentristischen Ausbildung hin. Wir sind derzeit ein Team aus fünf Mitarbeiter*innen, darunter zwei klinische Psychologinnen, ein Mental Health Worker und zwei cultural mediators. 

Wie belastend ist die Corona-Pandemie?
Die Pandemie und der daraus folgende Lockdown haben zu einer deutlichen Steigerung psychischer Beschwerden geführt. Der Zugang zur Impfung ist nicht allen ermöglicht, die Bedingungen im Quarantäne Bereich des Campes sind untragbar, die Menschen sind rassistischen Polizeikontrollen ausgesetzt und werden im camp wie in einem Gefängnis eingesperrt. Während sich Geimpfte in Griechenland weitestgehend frei bewegen können, dürfen die Geflüchteten seit einigen Monaten das Camp nur noch wenige Stunden pro Woche verlassen. Den Rest ihrer Zeit sind sie gezwungen an einem unmenschlichen Ort zu verbringen und werden bewusst vom öffentlichen Leben ausgeschlossen.

Welche Symptome haben die Männer, die euer Gesprächsangebot nutzen?
Die meisten Menschen haben traumatische Erfahrungen in ihrem Herkunftsland gemacht. Sie waren gezwungen vor Konflikten, Kriegen, Verfolgung und Gewalt zu fliehen. Auch auf ihrer Flucht erlebten sie zusätzlich traumatisierende Erlebnisse- in letzter Zeit vermehrt durch gewaltsame illegale Push Backs, Gewalt durch Polizei oder Grenzbeamte. Die potentiell traumatisierenden Erlebnisse hören nach Ankunft jedoch nicht auf. Eine sichere, stabile Umgebung wird ihnen verweigert und sie erleben ‘continuous traumatic stress’. Dadurch haben viele über mehrere Jahre komplexe Traumatisierung erlebt und zeigen teils eine Chronifizierung der Beschwerden.
Natürlich gibt es im Camp eine Vielzahl medizinischer Beschwerden. Aber auch schwerwiegende psychische Beschwerden sind aktuell Normalität. Das äußert sich in Trauma bezogenen Symptomen, in Schlaflosigkeit, in Panikattacken, depressivem Verhalten, extremer Trauer und Hoffnungslosigkeit bis hin zu selbstverletzendem Verhalten und vermehrt Suizidgedanken.

 

Gibt es Patienten, die ihr nicht in das Programm aufnehmt?
Wir versuchen möglichst allen, die zu uns kommen, ein Hilfsangebot zu machen. Menschen, die allerdings aktive Suizidabsichten äußern oder zusätzlich psychiatrische Behandlung benötigen, nehmen wir nicht auf, sondern vermitteln sie an geeignete Partnerorganisationen, die bestenfalls die richtige Hilfe anbieten können.

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